LOOKING@: DER BRUDERKUSS

Wir schreiben das Jahr 1979. Nach einer Rede streckt das russische Staatsoberhaupt Leonid Breschnew seine Arme aus, und spitzt die Lippen. In der Folge kommt es zu einer sehr zärtlichen und intensiven Umarmung samt Kuss zwischen ihm und Erich Honecker, dem Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Der Pressefotograf Régis Bossu drückt auf den Auslöser und schuf ein Bild, das um die Welt ging. Der Moskauer Maler Dmitri Wrubel malte das Motiv schließlich auf die Berliner Mauer. Doch warum küssen sich zwei Männer in einer Zeit, in der Intimität unter Männern noch für Irritationen sorgte? Was hat das Gemälde mit dem Liebesleben des Künstlers zu tun und warum küssten sich gerade die Kommunisten überdurchschnittlich viel?

Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben

Sein Graffito auf der Berliner Mauer nannte der Künstler Dmitri Wrubel übersetzt „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“. Mit dem Werk thematisiert der Russe sein persönliches Liebesleid. Damals musste er sich zwischen zwei Frauen entscheiden. Wer diese zwei Frauen waren, bleibt wohl das Geheimnis des Künstlers. Auf jeden Fall ist überliefert, dass er im Jahre 2009 mit der Künstlerin Viktoria Timofejewa verheiratet war. Nachdem sein Gemälde im selben Jahr nach einer Grundsanierung entfernt wurde, malte Wrubel den so genannten Bruderkuss ein zweites Mal. Das ausgeschriebene Entgeld von 3.000, - Euro spendete er einem sozialen Kunstprojekt in Marzahn. Was viele nicht wissen: Der zeitgenössische Künstler hat sich ein zweites Mal auf der East Side Gallery verewigt. Mit dem Gemälde „Danke, Andrej Sacharow“ machte er den Physiker und „Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe“ zum Mittelpunkt seiner Kunst.

Zwischen den Lippen zweier widerlichen Männer gepresst

Es ist Krieg, kalter Krieg, als sich Honecker und Breschnew trafen – ein Krieg, der nicht auf dem Schlachtfeld ausgetragen wurde, sondern von Drohgebärden und militärischer Aufrüstung der beiden Supermächte USA und der Sowjetunion geprägt war. Im Westen wirkte der innige Kuss zwischen den beiden Staatsoberhäuptern ehr befremdlich. Die Schwulenbewegung hatte in der Gesellschaft noch nicht die Akzeptanz bekommen, die sie heute hat. Für die Bevölkerung der kommunistisch geprägten Ostblockstaaten war es hingegen normal. Mit dem sozialistischen Bruderkuss wurde die Zugehörigkeit zur Gruppe der Kommunisten signalisiert. Das Begrüßungsritual entstand im 19. Jahrhundert und drückt die Begeisterung darüber aus, Teil der Arbeiterklasse zu sein. Kleine Anekdote am Rande: Als Dmitry Wrubel Breschnew und Honecker malte, hatte er sich gefühlt, als wäre er selbst zwischen die Lippen dieser „widerlichen alten Männer“ gepresst.

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